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Katharina Nocun: Diese besorgten Bürger werden uns zugrunde richten

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Katharina Nocun: Diese besorgten Bürger werden uns zugrunde richten

27.05.16  10:00 | Artikel: 970040 | News-Artikel (Red)

Katharina Nocun: Diese besorgten Bürger werden uns zugrunde richten
Katharina Nocun, Netzaktivistin
und ehem. Politische
Geschäftsführerin der
Piratenpartei Deutschland
An der Uni habe ich gelernt was Leistungsgerechtigkeit heißt: Menschen, die auf Geld aufpassen bekommen mehr als Menschen, die auf Menschen aufpassen. Und die, die kein Geld haben – für die interessiert sich kein Arsch. Während ich Wirtschaftswissenschaften studiert habe, stand die Weltwirtschaft zwei Mal vor dem Kollaps. Das hatte schizophrene Züge:

Morgens Formeln pauken an der Uni. Formeln, die sagen, "alles wird gut". Und Abends in der schicken City beim Occupy-Plenum gegen den Spekulationswahn vor der Bank demonstrieren. Ich werde das nie vergessen. Immer wieder kamen Menschen in Anzug vorbei und legten große Scheine in die Mitte. "Ihr tut das richtige", sagten sie. Und gingen doch weiter. Am Ende wurden die Banken mit Steuergeldern rausgehauen. Und wir saßen wieder in den Seminaren. Und diskutierten bald darauf die Eurokrise. Gelernt habe ich da: Too big to fail – das gilt nicht für das Elend unserer Zukunft.

Wir sind Exportweltmeister. Uns geht es so gut wie nie zuvor. Wir sind die Champions Europas. Aber wer ist eigentlich wir? Der Durchschnittsverdiener, der mitgeteilt bekommt, dass seine Rente für nichts reichen wird? Die Alleinerziehende, die sich von Monat zu Monat durchschlägt und abends auf der Couch erschöpft und traumlos einschläft? Die Pflegerin, die insgeheim hofft niemals bei ihrem Arbeitgeber in Pflege gegeben zu werden, weil längst nach Minuten und nicht nach Bedürfnissen abgerechnet wird? Die Wahrheit ist doch die: Deutschland sagt nicht Sorry für die Agenda 2010. Für Rentenkürzungen. Für Riester-Disaster. Denn Deutschland geht es doch so gut. Nur wird für viele immer klarer: Wir sind nicht dieses Deutschland. Und werden es auch nie sein.

Ein Gespenst geht um in Europa. Es ist die nackte Angst. Die Angst vor sozialem Abstieg. Die Angst vor Konzernen, die sich wie Staatschefs aufspielen. Die Angst vor Globalisierung. Diese vermeintlich höhere Naturgewalt muss als universelle Rechtfertigungs-Strategie herhalten. Und es wird kalt in Europa. Denn aus Angst treten wir nach unten. Gegen "Wirtschaftsflüchtlinge". Gegen "spätrömische Dekadenz von Sozialempfängern". Gegen "gierige Rentner". Und "faule Studenten". Und lassen mal so richtig Dampf ab. Ohne zu merken, dass wir dadurch nach oben buckeln. Und das Hamsterrad sich immer schneller dreht. Am Ende kann man sich nicht einmal mehr beklagen. Denn den Sozialstaat tragen wir mit diesen Scheuklappen selbst zu Grabe. Dabei sind wir sehr produktiv. Sehr gründlich. Sehr deutsch.

Meine Eltern sind aus Polen ausgewandert, damit ihre Kinder in Freiheit aufwachsen. In Demokratie. Pressefreiheit haben wir hier. Meinungsfreiheit. Doch wenn ich über die AfD schreibe, scrolle ich anschließend durch Morddrohungen in meiner Timeline. Ich bin nicht allein damit. Wahr ist: Ich kann schreiben was ich will. Und habe doch Angst, dass irgendwann Leute vor meiner Tür stehen. Meinungsfreiheit rufen sie laut, meinen doch aber nur ihre eigene Deutungshoheit. Lügenpresse ätzen sie, und meinen nur, dass sie Kritik nicht vertragen. Demokratie für das Volk grölen sie, und sind doch diejenigen, die am fleißigsten am Sozialstaat sägen.

Es wird Frühling in Europa, und doch bleibt es kalt. Österreich hat gewählt. In Frankreich wird Marine Le Pen es wahrscheinlich in die Stichwahl für das Präsidenten-Amt schaffen. Das ist surreal. Es ist gar nicht so lange her, da besetzten junge Menschen in ganz Europa öffentlich Plätze. Gegen Sozialabbau. Gegen Banken-Bailout. Und für demokratische Reformen. Hätte daraus ein europäischer Frühling werden können? Wir werden es nie erfahren. Denn irgendwann sind sie wieder enttäuscht und desillusioniert gegangen. Ganz still und ohne großen Knall. Die Utopisten. Die Spinner. Die Träumer.

Und die, die nach ihnen kamen brauchen keine Träume mehr. Sie haben auch keine Lösungen für uns. Sie wollen uns die Angst vor der Zukunft nicht nehmen. Weil genau diese Angst ihr Geschäftsmodell ist. Ich bin überzeugt: Diese besorgten Bürger werden uns am Ende zugrunde richten. Denn sie sind nicht besorgt: Sie frohlocken insgeheim darüber, dass wir uns wie Kaninchen mit großen Augen panisch in Angststarre begeben. Leichte Opfer für Populisten. Die Schafe wählen den Wolf, um es dem Schäfer mal richtig zu zeigen.

Und ich sehne mich nach den Träumern, den Spinnern, den Phantasten. Den Mutigen. Denjenigen, die Visionen haben und keine Angst. Denjenigen, die Grundlegendes in Frage stellen und nicht nach unten treten. Denjenigen, die uns Hoffnung geben – statt sie uns zu nehmen. Und frage mich, was passiert wäre, wenn wir ihnen einfach zugehört hätten.




Autor: Katharina Nocun

kattascha.de

Katharina Nocun (@kattascha) ist Netzaktivistin und war von Mai bis November 2013 politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland. Aktuell ist sie Themenbeauftragte für Datenschutz der Piratenpartei Deutschland. In ihrem Blog schreibt sie über Themen wie Netzpolitik, Datenschutz, Informationsfreiheit und digitale Menschenrechte.
Die hier genehmigten und veröffentlichten Artikel dienen der stärkeren Informationsverbreitung.



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