EEG-Umlage 2013 - warum steigt der Strompreis? (Video)

07.11.12  16:50 | Artikel: 954758 | News-Artikel (Red)

EEG-Umlage 2013 - warum steigt der Strompreis? (Video)
Tina Ternus
photovoltaikbuero.de
[Gastbeitrag von Tina Ternus | photovoltaikbuero.de]
Das EEG, dessen Gesetzesentwurf vor 12 Jahren aus einer Parlamentsinitiative heraus entstand, hat unsere Kraftwerkslandschaft verändert. Es hat einen Strukturwandel angestoßen hin zu vielen, kleinen dezentralen Kraftwerken von Familien, Landwirten, Mittelständlern, kommunalen Stadtwerken, Bürgergenossenschaften, Energiefonds usw. Die bisherige Energiewende, die bereits 25% unseres Strombedarfs ausmacht, ist bislang vorrangig in Bürgerhand ….

Welches Mittel hat man, um eine bislang über Jahre sehr hohe Akzeptanz für Erneuerbare Energien, das EEG, die dezentrale Energiewende nach und nach zu schwächen? Das geht am besten über den Preis, bzw. über den Indikator der Energiewende: die EEG-Umlage. Ab Antritt der jetzigen Bundesregierung wurden mehrere Maßnahmen durchgeführt, die zu einer überproportionalen Steigerung der EEG-Umlage führten. Konkret hat sich die EEG-Umlage seit 2009 vervierfacht, während sich die tatsächlichen Vergütungssummen selbst bei der eher großzügigen Prognose zur Berechnung der EEG-Umlage 2013 etwas weniger als verdoppelt haben. Wie wird aus einer tatsächlichen Kostenverdoppelung eine Vervierfachung?

Der entscheidendste Faktor war die neue AusglMechV ab 01.01.2010. Das neue Umlageverfahren und die Vermarktung der Erneuerbaren Energien an der Strombörse führt zu dem EEG-Paradoxon: je mehr sich Erneuerbare Energien preissenkend auf die Strombörsenpreise auswirken, umso höher wird die EEG-Umlage. Von 2010 auf 2011 stieg die tatsächliche Summe aller umzulegenden Einspeisevergütungen nur um knapp 30%, die EEG-Umlage aber aufgrund der neuen AusglMechV hingegen um 70%!

Zeitgleich mit dem Atomausstieg wurde – forciert von Wirtschaftsminister Rösler - die Erweiterung der EEG-Ausnahmeregelung beschlossen, die Anzahl der Betriebe wurde von 813 auf 2083 Betriebe erhöht. Der Anteil der Industrieentlastung innerhalb der EEG-Umlage steigerte sich dadurch um 34%. Weitere Entlastungen für den Mittelstand wurden vom Umweltminister bereits in Aussicht gestellt, was die EEG-Umlage für die Haushaltskunden noch höher treiben wird.

Der Bund der Energieverbraucher e.V. kritisierte bereits im Januar 2012, dass die EEG-Umlage durch die Befreiung der stromintensiven Industrie, durch Liquiditätsprämie, Börsenvermarktung mit daraus folgendem EEG-Paradoxon etc. um das Doppelte unnötig aufgebläht sei ….“Wäre die EEG-Umlage von all diesem Ballast befreit, so betrüge sie bei gleicher Förderhöhe für Erneuerbare nur rund 1,8 Ct/kWh …. Mitnahmeeffekte durch die zu üppige Marktprämie und fragwürdige Bonuszahlungen sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.“



Die entscheidende Frage ist: Warum liest man trotz nachweisbarer Fakten die stets gleichen Einheitsschlagzeilen: „Solarstrom lässt Strompreise explodieren“ „EEG führt zu Kosten-Tsunami“, begleitet von den mahnenden Worten, des Umwelt- oder Wirtschaftsministers, die Strompreise müssen bezahlbar bleiben, obwohl die Bundesregierung selbst über mehrere Maßnahmen maßgeblich zu einer überproportionalen Aufblähung der EEG-Umlage gesorgt hat?

Antworten findet man in einem hier zu sehenden Zeichentrickfilm, der anschaulich und detailliert die verschiedenen Maßnahmen beschreibt, wodurch die EEG-Umlage in den Jahren 2009 - 2012 gezielt aufgebläht wurde, die Widersprüchlichkeit der vollmundigen Erklärungen zur Energiewende zu den tatsächlichen Taten belegt, sowie die angewandten Kommunikationsmethoden ("agenda setting") aufzeigt, die dazu führen, dass bestimmte Schlagzeilen in den Medien stehen und andere nicht.

Augenblicklich findet eine Themenkampagne der Lobbyorganisation INSM statt, die die Abschaffung des EEGs und Einführung eines Quotenmodells fordert. Im Rahmen von INSM-Themenkampagnen werden mit Hilfe von Kommunikationsagenturen alle Medien gleichzeitig und durchgehend mit sehr gut aufbereiteten Informationen und mit sich stets wiederholenden Schlagwörtern und Slogans versorgt, die weder für den Zeitungsleser, noch den Talkshow-Zuschauer oder Journalisten oder den Passanten an der Bushaltestelle auf den ersten Blick als Lobbyarbeit erkennbar sind. Im Film werden Hintergründe und Arbeitsweisen analysiert.

All diese Bemühungen werden die angestoßene Entwicklung jedoch allenfalls verzögern, aber nicht mehr aufhalten können. Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Auch der Vorstoß von Fraktionschef Brüderle zum Verbot von neuen Photovoltaikanlagen muss als verzweifelter Versuch gewertet werden, sich einer Lawine in den Weg zu stellen. Das Argument „teurer Solarstrom“ zieht nicht mehr, immer mehr kleine und große Firmen, Privatleute und auch erzeugen ihre Elektrizität einfach selbst. Ebenso Privatleute oder Wohnungsbaugesellschaften, die durch selbst erzeugten Strom und Erhöhung der Eigenverbrauchsquote der Kostenspirale ausweichen können. Die Kombination von dezentralen Energieträgern aus der Region mit „Power to Gas“ bietet gerade ländlichen Gebieten neue Chancen.

Ein EEG 2.0. mit weiterhin geltendem Einspeisevorrang ist das notwendige Grundgerüst für Investitionssicherheit, bzw. Basis für eine Finanzierung, muss aber von Aufblähungsmechanismen entkernt werden und bzgl. der Vergütungshöhen sozial verträglich bleiben. Wer ¼ des Strom-Mixes stellt, muss sich seiner Verantwortung bewusst sein und mehr sein als Einspeiser. Er muss auch Leistung bereitstellen. Hierfür gilt es, Technologien und Konzepte zu entwickeln.

Packen wir’s an!


Tina Ternus:
Tina Ternus, Solarpionierin der ersten Stunde, war nach dem Ingenieurstudium der Physikalischen Technik bei der ÖEB GmbH in Darmstadt tätig. Dort konzipierte sie im Rahmen des "1000-Dächer-Programms" die ersten netzgekoppelten Solarstromanlagen für Privathaushalte. 1992 gründete sie zusammen mit Matthias Diehl das Ingenieurbüro inek, die spätere inek Solar AG. In einem berufsbegleitenden Aufbaustudium Energiewirtschaft in Darmstadt mit den Schwerpunkten Erneuerbare Energien und Energieeffizienz vertiefte sie zusätzlich ihre Kenntnisse zum Umstieg auf eine dezentrale Energieversorgung. 2008 gründete sie mit Matthias Diehl das photovoltaikbüro, das Endkunden unabhängige Beratung bietet, Bürgerkraftwerke projektiert sowie Gutachten und Fehleranalysen bei Mindererträgen erstellt.





www.photovoltaikbuero.de




Autor: Tina Ternus

pvbuero.de

Sozialisiert durch das Thema Energie seit der Kindheit. Physikingenieurin und Energiewirtin. Seit 23 Jahren in der Solarbranche und seit 30 Jahren ehrenamtlich aktiv für eine atomfreie Zukunft und den dezentralen, erneuerbaren Umbau unserer Energieversorgung. Tina Ternus ist Gründungsmitglied der Energieblogger.



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Energiewende | erneuerbare Energien | Kommentar

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