Standardlastprofile ... oder die Herdprämie für Netzbetreiber

21.11.14  10:36 | Artikel: 962083 | News-Artikel (Red)

Standardlastprofile ... oder die Herdprämie für NetzbetreiberVon der Toilettenpapierrolle bis zum Gurkendurchmesser: in Deutschland und mittlerweile auch in Europa wird ja so ziemlich alles normiert. Das gilt auch für das Lastprofil eines Stromkunden. Ob das noch zeitgemäß ist, scheint allen Beteiligten egal zu sein.

«Ein Standardlastprofil (SLP) ist ein repräsentatives Lastprofil, mit dessen Hilfe der Lastgang eines Energieverbrauchers ohne registrierende Leistungsmessung prognostiziert und bilanziert wird.

Die Anwendung der Standardlastprofile stellt dabei eine Vereinfachung dar. Nicht jede als H0, also Haushalt, eingestufte Abnahmestelle wird jeden Tag einen Ihrem Standardlastprofil entsprechendes Abnahmeprofil aufweisen. Vielmehr geht man dabei davon aus, dass das jeweilige Profil durchschnittlich von der jeweiligen Verbrauchergruppe abgenommen wird. Die Qualität einer auf Standardlastprofilen beruhenden Prognose der Energieabnahme hängt also vom Zutreffen eben genannter Annahme ab. Dabei verbessert eine größere Gruppe von einem bestimmten Standardlastprofil zugeordneten Abnahmestellen die Qualität der Prognose gegenüber einer kleineren Gruppe.»
Quelle: Wikipedia

Standardlastprofil H0 nach VDEW. Der genormte
Kurvenverlauf stellt das repräsentative Verbrauchs-
verhalten der Strom-Haushaltskunden an verschiedenen
Wochentagen im Winterhalbjahr dar.
Bild: Wikiinger
Das SLP fungiert als sowas wie ein Einkaufszettel für die Energieversorger. Meldet man sich bei diesem an oder wechselt zu einem neuen Anbieter, so wird für jeden Haushaltskunden das sog. H0-SLP eingetragen (und der vermutliche Jahresverbrauch).

In der Summe weiß dann der Anbieter, was er für seine Kunden zu welcher Zeit an Strom beschaffen muss, um alle beliefern zu können. Hier gibt es im Allgemeinen Verträge mit diversen Kraftwerksbetreibern.

Ist das H0-Profil tatsächlich repräsentativ für alle Haushaltskunden?

Die aktuelle Version basiert auf der Datengrundlage von 1998 und ist noch vergleichbar mit dem «Hausfrauen-Modell». Dieses Modell kennen wir seit den 60er-Jahren: Der Familienvater ist für den Lebensunterhalt verantwortlich, die Frau ist zu Hause und kümmert sich um Kinder und Haushalt. Pünktlich zwischen 12:00 und 13:00 Uhr steht das Essen auf dem Tisch. Diese Spitze, bedingt durch den hohen Strombezug, könnte man als «Herdprämie» bezeichnen. Denn in der Mittagszeit wird der Strom an der Börse regelmäßig teurer und die Kraftwerksbetreiber können sich unter Umständen über die Erlöse freuen.

Könnte man nicht unterstellen, dass durch den demografischen Wandel das Hausfrauen-Modell langsam ausgedient hat?

Familien mit vielen Kindern sind heute nicht mehr der Regelfall. Es gibt zum einen immer mehr Singles, wie auch berufstätige Paare, die morgens gemeinsam aus dem Haus gehen und abends erst spät wieder nach Hause kommen. Und die Sportschau fällt aus, weil man sich ggf. mit Freunden in einer Kneipe mit Fernseher trifft. Wäre hier nicht ein «Yuppie -Modell» besser geeignet? Der Stromverbrauch dieser Verbaucher dürfte sich schon drastisch vom konventionellen H0-Profil unterscheiden.

Seit 2012 sind für Neubeuten elektronische (oder auch intelligente) Stromzähler vorgeschrieben. Niemand muss mehr in den Keller rennen und den Zähler ablesen; das geht ja heute alles automatisch übers Netz. Mal abgesehen von der datenschutzrechtlichen Komponente bestünde damit durchaus die Möglichkeit das individuelle Lastprofil eines Haushaltes zu ermitteln. Damit könnte dann der Energielieferant wesentlich genauer planen.

Doch genau daran scheint keiner der Beteiligten ein Interesse zu haben; am wenigsten der Verteilnetzbetreiber (VNB). Denn im Allgemeinen schwankt die Strommenge im Netz im Vergleich zu den SLPs ganz gewaltig. Und diese Mehr- oder Mindermengen ermöglichen es dem Verteilnetzbetreiber Strom an der Börse zu handeln. (Faktisch gibt es jede Nacht zwischen 2:00 und 4:00 Uhr einen Stromüberschuss.)

Verzockt sich der VNB, dann steigen im Folgejahr unter Umständen die Netzgebühren in dieser Region. Der Kunde trägt damit also das Risiko und niemand sieht die Notwendigkeit dynamische Stromtarife anzubieten, wie es das Gesetz schon seit 2 Jahren fordert.

Die sog. Registrierende Leistungsmessung (RLM), über die ein dynamischer Tarif möglich wäre, wir jedoch nur Industriekunden angeboten, die mehr als 100.000 KWh verbrauchen, obwohl diese per jure auch bei kleineren Mengen möglich wäre.
(vgl. § 12 StromNZV in Verb. mit § 10 MessZV)

Würden diese Profile angepasst werden und hätte der Verbraucher die Möglichkeit auch RLM-Tarife nutzen zu können, könnte so mancher Euro gespart werden.

Für uns selbst wäre die RLM womöglich eine Alternative. Die Kurven in unserem Diagramm (Daten unseres intelligenten Stromzählers| Datenstand bis 17.11.2014) lassen sich zwar nicht direkt mit denen des H0-Profils vergleichn, aber es wird deutlich, dass unsere Leistungsspitzen völlig anders verteilt sind.




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Autor: Björn-Lars Kuhn

Journalist bdfjBjörn-Lars Kuhn ist einer der Inhaber der Proteus Solutions GbR, Buchautor, Datenschutzbeauftragter (IHK), Fachjournalist (bdfj) in den Bereichen Datenschutz, Netzpolitik und Erneuerbare Energien und Redakteur dieser Nachrichtenseite.



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Energiepolitik | Smart-Meter

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