Ökostrom: Moralisch gutes Gewissen mit 230 Volt

06.10.15  10:12 | Artikel: 963127 | News-Artikel (Red)

Ökostrom: Moralisch gutes Gewissen mit 230 VoltÖkostromtarife gibt es wie Sand am Meer. Der Stromkunde kann sich für wenige Cent Aufpreis das Gewissen kaufen, genügend für die Energiewende getan zu haben. Ein Zeichen gesetzt zu haben, dass eine Stromversorgung in Deutschland ohne Atomkraftwerke und ohne CO2-Emission möglich ist. Eine Täuschung, die irreführender nicht sein könnte und doch einem System geschuldet ist, welches in seiner Konsequenz die Stromwende nicht zu mehr Nachhaltigkeit bringen wird und lediglich zu einer weiteren Festigung bestehender Marktstrukturen führt.

Auf den Vergleichsportalen gibt es eine Vielzahl von Tarifen, die ein reines Gewissen vermitteln sollen. Viele Siegel verraten dem Vebraucher, wie Gut er sich fühlen kann mit der Auswahl seines Stromliefervertrages. Der Mehrpreis, der dafür auf der Jahresrechnung steht ist verkraftbar, da unterhalb der Schmerzgrenze von den Kosten eines Abendessens mit der Familie im Lieblingsrestaurant. Die zum Stromprodukt geformte “Moral” taugt allerdings bei näherem Hinsehen nicht einmal als Demonstration gegen Atomkraft oder Kohleverstromung. Mit reinster Wasserkraft wird die Zukunft der Energiewende bilanziell vernichtet, bevor der Wert überhaupt im Gesamtvorhaben Stromwende genutzt werden konnte.

100% Ökostrom für alle

Ist jeglicher Ökostrom “Made-In-Germany” bereits einem Kunden versprochen, so kann er nicht mehr zum Ausgleich von Erzeugungsschwankungen dienen.

Konsument und Moral

Bei Stromlieferanten, die eine große Umweltschutzorganisation im Namen tragen ist es klar ersichtlich. Eigentlich bezieht der Kunde Strom mit dem Mehrwert einer Spendenquittung. Andere Anbieter bauen neue Biomassekraftwerke oder fördern Aktionen zum Ausbau der Erneuerbaren (allerdings nicht der Wasserkraft). Vor einigen Tagen meinte der Leiter eines Kraftwerkes, als ich ihn fragte, warum das hauseigene Stromprodukt kein Strom aus dem ebenfalls hauseigenen Kraftwerk enthält “Die EEG Vergütung ist einfach lukrativer”.

Für diese Wahrheit darf man niemanden bestrafen, denn das Gesamtsystem ist so konstruiert, dass es solch konfuse Aussagen generiert. Wer Pro-Energiewende ist, der wird auch ein Ökostromtarif nehmen. Pro-Energiewende bedeutet mehr PV-Anlagen und mehr Windkraft – Ökostromtarif bedeutet mehr Wasserkraft. Ökonomisch wird eine Maximierung des Kundenwertes durchgeführt – ohne dabei die Ursachen für Fehlentwicklungen zu beseitigen.

Kundenwille trifft Lobbyarbeit

Über 1 Millionen Haushalte haben sich in Deutschland bereits für einen Ökostromtarif entschieden. Ein beachtliches Statement des Kundenwillens. Kein einziger der Ökostromanbieter hat bislang aktiv eine Stellung bezogen, welche Rahmenbedingungen sofort geändert werden müssen, damit zukünftige Stromtarife einen Mix aus dem enthalten, was die Energiewende dringend benötigt:

  • Abschaffung der Standardlastprofile
  • Ausrollen der Zählerstandsgangsmessung für alle SmartMeter-Anschlüsse
  • Flexible Tarife (nicht nur über die Gestehungskosten)

Deutschland hat noch etwa 6 Jahre Zeit, bis die ersten Anlagen aus der EEG-Vergütung fallen und man sich ernsthaft der Frage stellen muss, wie man PV-Strom vermarkten möchte. Ein reiner Vertrieb über die Spotmärkte wird dann nicht mehr reichen. Es werden End-To-End Lösungen benötigt, die von er Erzeugung bis zum Letztverbraucher gehen.




Autor: Thorsten Zoerner

blog.stromhaltig.de

Thorsten Zoerner betreibt den Blog stromhaltig.de. Einen Großteil seiner Fachartikel veröffentlichen wir regelmäßig auch hier auf unserer Seite. Thorsten Zoerner ist Gründungsmitglied der Energieblogger.



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