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Bürger wollen mehr Mitsprache bei der Energiewende

26.06.12  06:00 | Artikel: 954432 | News-Artikel (e)

Studie von nextpractice zeigt starken Wunsch nach mehr Bürgerdialog auf

Das Modell der dezentralen Bürgerbeteiligung ist eine aussichtsreiche Alternative, um die ins Stocken geratene Energiewende voranzubringen. Denn nur wenn Bürger die künftige Struktur der heimischen Stromversorgung vor Ort aktiv mitgestalten, lassen sich komplexe Planungsverfahren überhaupt noch im breiten gesellschaftlichen Konsens erfolgreich realisieren. Diese Ansicht vertrat Prof. Dr. Peter Kruse in seinem heutigen Impulsvortrag zur "Energiewende von unten" auf der 12. Jahreskonferenz des Rats für Nachhaltige Entwicklung im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Dabei stützt sich der Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung nextpractice GmbH in Bremen auf eine aktuelle Studie, die sich auf eine umfangreiche Befragung von 200 Endverbrauchern stützt.

"Die Energiewende kann nur von der Basis her gelingen. Eine stärker von den Wurzeln des genossenschaftlichen Modells ausgehende Ressourcensteuerung kann aus passiven Leidtragenden stetig steigender Strompreise aktive Mitgestalter der ökologischen Modernisierung machen", betonte Prof. Peter Kruse auf der Veranstaltung des Rates, der im April 2001 von der Bunderegierung berufen wurde, um Beiträge zur Umsetzung der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln sowie konkrete Handlungsfelder und Projekte zu benennen.

Die Annahme, dass die Bundesbürger die Energiewende in erster Linie als Ausstieg aus der Atomwirtschaft befürworten, erweist sich im Lichte einer von Kruses Beratungsunternehmen nextpractice durchgeführten Studie, bei der 200 Endverbraucher in Deutschland jeweils zwei Stunden lang interviewt wurden, als zu kurz gegriffen. Darin sprechen sich die Menschen vor allem gegen eine als intransparent wahrgenommene Energiepolitik aus. "Die Angst vor der Atomkraft hat sich in Deutschland zu einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber allen Formen großtechnologischer Energieerzeugung generalisiert", konstatiert Prof. Kruse.

Paradigmenwandel zu mehr Transparenz und Partizipation

Auch der Bundesregierung und der Bundeskanzlerin Angela Merkel stellen die Menschen beim Management der Nachhaltigkeit ein eher schlechtes Arbeitszeugnis aus. Die Befragten sehen die Politik im Vergleich zu den eigenen Sollvorstellungen deutlich im Rückstand gegenüber den gesellschaftlichen Anforderungen. Dabei wird der Politik ein Nachhinken in der Größenordnung von ungefähr zwei Jahrzehnten attestiert. Den Ausweg sehen die Bürger in erster Linie in einem Paradigmenwandel zu mehr Transparenz und Partizipation. "Die Endverbraucher sind es leid, dass Konzerne ihnen in verkrusteten Monopolstrukturen nach Belieben ein Preis- und Nutzerdiktat auferlegen", stellt Kruse fest.

Im Gegensatz dazu trägt nach Einschätzung von nextpractice die aktive Einbindung von mündigen Bürgern auf allen Entscheidungsebenen zu einer langfristig erheblich stabileren wirtschaftlichen Infrastruktur bei. Mehr Bürgerdialog befördert darüber hinaus eine zukunftsweisende Industriepolitik am Standort Deutschland. Denn längst vor der Politik hat sich in der Bevölkerung die Erkenntnis durchgesetzt, dass dezentral von den Bürgern initiierte und co-finanzierte Energievorhaben häufig zielgerichteter zu managen sind als industrielle Verbundprojekte, "weil dann die Interessen von Menschen, Kommunen und Gemeinden wie etwa bei Bürgerwindparks oder Bürgersolaranlagen von Anfang an im Mittelpunkt stehen", so Kruse weiter.

Letztlich sei somit eine allein per Staatsdekret verordnete Energiewende zum Scheitern verurteilt, so der Geschäftsführer von nextpractice. "Gelingt allerdings der Spagat zwischen dem notwendigen ökologischen Wandel einerseits und der konsequenten Nutzung von demokratischen Instrumenten zur Bürgerbeteiligung andererseits, dann öffnen die Menschen ihr Herz und durchaus auch ihren Geldbeutel für die Energiewende."

Gerade Deutschland verfüge aufgrund seines von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägten industriellen Sektors sowie seiner tief verankerten und vielfältigen genossenschaftlichen Traditionen über ideale Voraussetzungen, um die Form des nachhaltigen Wirtschaftens von der demokratischen Basis her als tragfähige Vision neu zu beleben. Darüber hinaus ist laut Kruse der dezentrale Ansatz international von großer Strahlkraft: "Mit einer dezentralen Gestaltung der Energiewende kann Deutschland durchaus zu einem Vorbild für andere Nationen werden."

Konturen im gesellschaftlichen Wertewandel unter der Lupe

Die qualitative Analyse der kulturellen Einstellungen innerhalb der deutschen Bevölkerung zur Energiewende führt zu einigen verblüffenden neuen Erkenntnissen, die tradierte Vorstellungsmuster mehr als in Frage stellen. So hängt die Akzeptanz neuer Energievorhaben keineswegs allein vom Strompreis ab. "Sofern Industrie und Energiewirtschaft höhere Strompreise allein mit dem Hinweis auf den notwendigen Ausbau der Netzinfrastruktur durchsetzen wollen und die damit verbundenen Modernisierungsvorhaben nicht hinreichend begründen, werden sich die Endverbraucher der weiteren Ausgestaltung der Energiewende radikal verweigern", stellt Prof. Kruse fest.

Erachte die Bevölkerung demgegenüber ökologische Modernisierungsvorhaben nach dem Prinzip maximal möglicher Dezentralität im Sinne des Bürgerinteresses als sinnvoll, sei sie hingegen auch dazu bereit, neue Vorhaben selbst bei höherer Kostenbelastung mitzutragen - vorausgesetzt allerdings, sie werde aktiv in die Gestaltungsprozesse eingebunden. "Gefordert ist eine Beteiligungs- und Investitionskultur, in der die Mitwirkung durch den Bürger ein verbrieftes Grundrecht ist und in der Verstöße gegen die Transparenzpflicht unmissverständlich sanktioniert werden", so der nextpractice-Chef.

Zitate von Prof. Peter Kruse zur "Energiewende von unten":

"Der von den 200 interviewten Bürgerinnen und Bürgern vermutete und geforderte Wechsel des Paradigmas in der deutschen Energiepolitik wird angesichts des Wertewandels in der Gesellschaft als längst überfällig kritisiert."

"Den Bürgerinnen und Bürgern ist klar, dass der Umgang mit Energie ein zentrales Zukunftsthema ist. Bei ihren persönlichen Kosten-Nutzen-Erwägungen geht es ihnen keineswegs in erster Linie um die Frage des Strompreises oder um sparsames Verbraucherverhalten, sondern um Partizipation und die Möglichkeit einer direkten Einflussnahme über eigene Investitionen in die Stromerzeugung. Genossenschaftliche Beteiligungsmodelle sind dafür ein sehr geeigneten Lösungsansatz."

"Ein signifikanter ökologischer Beitrag zur Begrenzung des Klimawandels, der sowohl von oben als auch von unten vorwärts getrieben wird, ist eine in der deutschen Bevölkerung emotional bereits offenkundig tief verankerte Zukunftsvorstellung."




(Quelle: nextpractice GmbH, Bremen )


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