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Thorsten Zoerner über die «Alternde Kraftwerkslandschaft» in Deutschland

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Thorsten Zoerner über die «Alternde Kraftwerkslandschaft» in Deutschland

15.03.13  16:45 | Artikel: 955289 | Proteus Fach-Artikel

Thorsten Zoerner über die «Alternde Kraftwerkslandschaft» in Deutschland
Thorsten Zoerner,
Autor und Betreiber von
blog.stromhaltig.de
Als “Dickschiffe” der Stromerzeugung können Kraftwerke mit eine hohen Kapazität bezeichnet werden. Im Zuge der Dezentralisierung von Erzeugungskapazitäten und der Zunahme von kleineren Windparks und PV-Anlagen nimmt zwar die generelle Bedeutung für die Versorgungssicherheit der “Dickschiffe” ab, die Umweltbelastung und die Herausforderungen bei Störungen bleiben jedoch auf einem signifikanten Niveau. Fast 50% des konventionellen Stroms stammt aus Kraftwerken, die älter als 30 Jahre sind. Muss der Zubau von Stromerzeugung aus Erneuerbarer Energie deutlich beschleunigt werden?

Falsch optimiert. Schaut man sich ein Kraftwerk an, das vor 30 und mehr Jahren geplant wurde, dann wurde es zu einer Zeit konzipiert, als die Atomenergie ihre Hochzeit hatte. Eine Zeit, bei der man mit Nachtspeicherheizungen versucht hat den “günstigen” Strom der in der Nacht zuviel im Netz war irgendwie einer Nutzung zuzuführen. Mit dem Nachteil, dass im Sommer viele Kraftwerke unterhalb ihrer Möglichkeiten und somit auch unterhalb ihrer Rentabilität betrieben wurden.

Kraftwerksdeutschland bestand zu weiten Teilen aus Dickschiffen, große Kessel mit großer Leistung. Planer hatten wohl eher die technische Faszination im Sinne als die Bedürfnisse der Kunden. Nachtspeicherheizungen sind da ein sehr nettes Beispiel, wie man lieber am Bedarf des Kunden gedreht hat als aus der Sicht des Kunden die Kraftwerke zu dimensionieren. Demand Side Management wurde als Demand Side Dictatorship verstanden.


Nettokapazitäten und Jahr der Betriebsaufnahme
der Großkraftwerke
Im Zuge der Energiewende und der Verbreitung von PV und Windkraft hat sich eine dezentrale Erzeugungsstruktur gebildet, die deutlich kleinteiliger ist, als es die Dickschiffe jemals sein konnten. Da Betreiber und Eigentümer dieser neuen Strukturen unabhängig von den Großkraftwerken waren und sind, hat die Summe der Kraftwerke auch keine natürliche Evolution der Erneuerung erfahren, sondern eine Parallelgesellschaft. Konventionell auf der einen Seite – Erneuerbarer Strom auf der anderen Seite – dazwischen das Stromnetz und hinten kommt das raus, was für den Stromkunden bestimmt ist.

Niemand kann vorschreiben, wie lange man sein Auto fährt. Genauso kann man niemandem vorschreiben, wie lange ein Kraftwerk zu betreiben ist. Zwar kann man Marktanreize schaffen wie eine Abrwrackprämie, letztendlich entscheiden muss aber immer der Eigentümer. Ähnlich dem Auto nimmt mit zunehmendem Alter auch die Häufigkeit von Pannen zu.


Kraftwerks-Pannen aktuell | Quelle: EEX


“Ungeplante Nichtbeanspruchbarkeiten von Erzeugungseinheiten” nennt sich eine Panne bei Kraftwerken. Die tagesaktuelle Übersicht für Kraftwerke mit einer Kapazität von mehr als 10 MW finden sich in der Transparency Plattform der EEX. Aktuell sind 2.963 MW un-geplant vom Netz. Dies ist nicht sonderlich viel, ein näherer Blick in die Kraftwerksliste zeigt auch welche Kraftwerke dies (höchst wahrscheinlich) sind:
  • Steinkohle – 757 MW = Wilhelmshaven = Baujahr 1976
  • Steinkohle – 110 MW = Heizkraftwerk Heilbronn = Baujahr 1965/1966
Kleines Schmankerl ist das Gas-Kraftwerk… hiebei handelt es sich (wahrscheinlich) um das 2010 in Betrieb genommene Irsching 5, welches ohnehin ein sehr spannendes Kraftwerk ist. (s.h. auch Beitrag: Billiger Gaspreis verändert Wirtschaftlichkeit).Irsching 5 bleibt die Elb-Philharmonie unter den Kraftwerksneubauten, die als politischer Ausreißer in der Statistik zu sehen ist.

Neben den ungeplanten Nichtbeanspruchbarkeiten, haben die neueren Anlagen allerdings auch noch ein weiteres Manko der Altanlagen wett-zumachen welches im Bereich der Flexibilität angesiedelt ist. Es gibt zwei grundlegend verschiedene Wege, um die selbe Leistung als Ergebnis zu erzielen. Zum einen kann man ein Kraftwerk auf die gewünschte Leistung drosseln – oder man nutzt viele kleine Kraftwerke, um in der Summe die Leistung zu bekommen. Der Nachteil der ersten Variante ist, dass die Generatoren, der Kessel und andere Einrichtungen einen Bereich haben, in denen sie ökologisch am effizientesten arbeiten können. Soll die Erzeugung stärker am Verbrauch ausgerichtet werden, so ist Flexibilität gefragt, die nicht vorgesehen war. Das Ergebnis ist eine Ökobilanz, die deutlich unter dem Machbaren liegt gepaart mit einem höheren Verschleiß.

Betrachtet man die Überalterung der konventionellen Flotte, so muss vielleicht eine Abwrackprämie schnell geschaffen werden, die auf gekoppelte Stillegung mit EE-Neubau gezahlt wird. Ohne eine Weichenstellung wird die Netzstabilität durch die konventionellen Kraftwerke in großem Maße gefährdet. Die 35%, die der Strom aus EE-Quellen im Jahre 2012 in der Regelzone der 50 Hertz ausgemacht hat, reichen da nicht (s.h. Beitrag bei Euwid).

“Robert Frank” geht vom Netz, war die gestrige Meldung der Zeitung für Kommunale Wirtschaft. Gemeint ist das 1973 gebaute Gaskraftwerk in Landesbergen (Niedersachsen), welches noch im vergangenen Jahr als systemrelevant klassifiziert wurde. Gestern nun die Meldung, dass das Kraftwerk nun in die Kaltreserve überführt werden solle. Als Ursache wird der Kostendruck genannt, der keinen rentablen Betrieb bei lediglich 80 Vollaststunden bei Jahresfrist zulässt.




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Autor: Thorsten Zoerner

blog.stromhaltig.de

Thorsten Zoerner betreibt den Blog stromhaltig.de. Einen Großteil seiner Fachartikel veröffentlichen wir regelmäßig auch hier auf unserer Seite. Thorsten Zoerner ist Gründungsmitglied der Energieblogger.



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Themenbereiche:

erneuerbare Energien | Energiepolitik | Technik | Netze | Unternehmen

Schlagworte:

Stromerzeugung (115) | Kraftwerke (69) | Rentabilität (6) | Demand Side Management | Demand Side Dictatorship | Versorgungssicherheit (50) | Alter (22) | Pannen | Störfälle




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