Home UnternehmenProdukte
& Lösungen
Kompetenzen
& Services
erneuerbare
Energien
News
& Aktuelles
Impressum
& Kontakt
 
  

Tricks der Energieversorger: Schnäppchen mit Tütenstrom und Co. (1/2)

Nachrichten
Aktuelles
Presse
Vorträge, Seminare
& Workshops
Bildschirmauflösungen, Browser, Statistik & Co.
Datenschutz
Suche










Tricks der Energieversorger: Schnäppchen mit Tütenstrom und Co. (1/2)

05.11.14  10:30 | Artikel: 961968 | Proteus Fach-Artikel

Tricks der Energieversorger: Schnäppchen mit Tütenstrom und Co. (1/2)Auf der EEX-Transparenzplattform gibt es diverse Listen, Diagramme und Daten. Hier findet man Aussagen über erzeugte Energiemengen genauso wie Kraftwerksausfälle. Allerdings kann der normale Stromkunde kaum etwas mit diesen Angaben anfangen. Deshalb möchten wir ein wenig Licht ins Dunkel bringen und auf triviale und flapsige Weise erklären, wie Energieversorger den Strommarkt manipulieren und damit Geld verdienen könnten.

Thorsten Zoerner und ich haben uns in einem weiteren nächtlichen Telefonat die Zahlen der Plattform genauer angesehen. Auffällig dabei war, dass es eine Reihe von fossilen Kraftwerken gibt, die als "ausgefallen" gekennzeichnet sind.

Die Formulierung "Tütenstrom" war übrigens eine flapsige Bemerkung im Telefonat und stellt eine Alternative zum Ausdruck "Flatterstrom" dar.

Honi soit qui mal y pense

Wie bei vielen anderen Diskussionen taucht dann recht schnell die Frage auf, welche Auswirkungen diese Ausfälle auf den Markt haben und ob und wer letztendlich davon profitieren könnte ...

... und tatsächlich kann das passieren. Und da wir beim Barcamp Renewables etwas von Story Telling gehört haben, wollen wir eine kleine Geschichte erzählen, die sich irgendwo in Deutschland so zugetragen haben kann.

»Du Papa, wie funktioniert das eigentlich so richtig mit der Strombörse?«, fragt der kleine Emil Schmidt seinen Vater. »Unser Lehrer sagt, Strom aus erneuerbaren Energien bringt die ganze Börse durcheinander und die Energieversorger haben echt Probleme damit, vor allem mit so komischen Prognosen. Aber so richtig erklären konnte er uns das auch nicht.«

»Nun«, setzt Papa Hermann Schmidt an, »so richtig Ahnung hab ich davon auch nicht. Aber so ein paar Sachen habe ich mitbekommen:

Die Börse ist ja quasi so ein Marktplatz und es geht da manchmal zu, wie bei uns am Samstag. Die Marktschreier preisen da lauthals Waren an, die hinterher vielleicht doch nicht das gelbe vom Ei sind. Daher kommt heute das Wort Marketing. Die ersten Marktschreier kamen übrigens aus Griechenland. Da nannte man den Marktplatz noch Agora. Aber zur Börse ...

An der Börse wird erstmal Strom gehandelt, wenn er denn da ist - also produziert wird. Das nennt man Intraday-Handel. Und es gibt noch eine Art Preisfindung bzw. Handel für den nächsten Tag. Das ist der Day-Ahead-Handel. Da kann man den Strom, der morgen produziert wird schon kaufen und damit ungefähr ein Preis genannt werden kann, muss ausgerechnet werden, wieviel denn morgen so produziert wird. Also so eine Art Wettervorhersage für Strom. Aber pass mal auf ...«


Braunkohlekraftwerk:
hier Kraftwerk Niederaußem bei Köln
Bild: Heliosteam
Bruno Braun ist seit 35 Jahren Werksleiter eines Braunkohlekraftwerks. Bruno freut sich, wenn alles läuft und die Turbinen vor sich hin schnurren. Das klingt und fühlt sich nach Leistung an. Sein Kraftwerk ... seit Jahrzehnten.

Am Dienstag Morgen klingelt das Telefon. Konzernchefin Chefin Roswita Wehrle-Edelbach ruft ja hin und wieder mal die langjährigen Mitarbeiter an.

»Morgen Bruno! Und wie isset?«
»Et läuft Chefin, et läuft. Alle Zeiger im grünen Bereich. Wir fahren an der Obergrenze, dass die Heide wackelt.«
»Na prima. Was macht dein Rheuma? Soll ja morgen ein richtiges Sauwetter geben...«
»Mist, wollte doch mit meinen Enkeln noch ein bisschen raus in die Natur. Aber wenn's Wetter nicht mitmacht ...«
»Na, du wirst schon was anderes finden. Übrigens: Du mußt morgen früh das Kraftwerk runterfahren, wegen Wartungsarbeiten.«
»Häh? Chefin, da steht nix an. Die nächsten Wartungsarbeiten sind erst in 5 Monaten geplant.«
»Ja, schon, aber kennst du eigentlich die Schraube JC276a in der Generatorenhalle?«
»Äh, ja klar, aber das ist doch eine von vier Schrauben mit denen das Typenschild des Herstellers am Generator II befestigt ist. Und mit dem laufenden Betrieb hat die rein gar nix zu tun. Ist das jetzt so 'ne Art Test?«
»Bruno, ganz ruhig. Die Schraube muss gewechselt werden und dafür fahren wir das Werk runter. Ist so entschieden worden. Also morgen früh will ich alle Zeiger auf Null sehen, ok?«
»Wie du meinst Roswita. Ist ja dein Laden. Wechsel ich halt die Schraube. Geht dann halt 24 Stunden bis wir wieder anfahren können, aber das weißt du ja. Und was ist mit unseren Lieferverpflichtungen?«
»Genau Bruno. Also Schraube wechseln und dann zieh einfach mit deinen Enkeln los... Und den fehlenden Strom kaufen wir an der Börse ein. Ich ruf dich wieder an. Bis dann.«
»Bis dann Chefin ...«


Bruno versteht die Welt nicht mehr. Das ganze Kraftwerk runterfahren wegen einer kleinen doofen und unwichtigen Schraube? Naja, die in Essen werden schon wissen was sie tun.

Am anderen Morgen schaut Bruno aus dem Fenster und sieht einen strahlend blauen Himmel und die Sonne ist schon richtig warm auf der Haut. Da hat die Chefin wohl den falschen Wetterbericht angeschaut, denkt sich Bruno.

Szenenwechsel

Deutsche Börse Frankfurt
mit Blick auf die DAX-Kurstafel
Bild:Dontworry
Roswita Wehrle-Edelbach steht mit den Kollegen Elisabeth Ottenhagen-Nieberg und Enzo Blackwater auf dem Parkett der Strombörse. So nach und nach kommen die ersten Anbieter von Solarstrom rein. Tütenweise schleppen sie ihre Ware zum Verkauf rein. Laut Prognose soll die Tüte heute bei 50 € liegen, aber ein Blick nach draußen - strahlender Sonnenschein - lässt schon vermuten, dass wohl ein paar mehr Verkäufer auftauchen. Und so entwickelt sich das ganze auch. Immer mehr Solarstromtüten stehen zum Verkauf.

Roswita stellt sich zu einer Gruppe von Anbietern und schreit mal laut in die Runde:
»Wer von euch gibt's mir für 25 EUR?«

Ein Raunen geht durch die Gruppe. Spinnt die? 25 €? Unter 45 geht mal gar nix ...
Minuten vergehen. Eine neue Anbietergruppe kommt rein. Vor lauter Stromtüten ist kaum was vom Anbieter zu sehen.
"Kann mir mal jemand das Zeug abnehmen? Ich brech gleich zusammen."
»100 zu 25!«, schreit Roswita den Typ an. Der nickt nur und brummelt "Geht schon klar, Hauptsache weg damit, sind ja alles EEG-Tüten."
Roswita Wehrle-Edelbach ist im Kaufrausch. Die letzten Tüten kauft sie für 12,72 € pro Stück ... SALE!!!

Am Ende des Tages wieder im Büro sinkt sie in ihren Chefsessel und mit der Welt und sich zufrieden. Die Solarjockel... man muss sie ja einfach gerne haben.
Mal sehen, was die Prognose denn für die nächsten Tage so hergibt. Weiter strahlender Sonnenschein und - ups - ein frischer Wind über dem Land. Also morgen früh an das Strickjäckchen denken. Hm, und dann noch Bruno Bescheid sagen ...

»Bruno, wie war's mit den Kleinen?«
»Super Chefin, hat sich echt gelohnt. Ist ja schon Jahre her, als wir das letzte Mal im Zoo waren. Aber sie haben sich getäuscht. Von wegen Sauwetter. War doch spitze. Vielleicht doch mal nicht alles bei RTL glauben.«
»Bruno! Unsere Vorhersage kommt nicht von RTL, dafür haben wir einen Tietje vanden Neet oder eine Amanda Priscila Onika.«
»Na ich kenn die ganzen komischen Typen nicht. Ist mir aber auch wurscht. Können wir morgen wieder Kohle verheizen?«
»Im Prinzip ja, aber sag mal Bruno ... gibt's da nicht an der Befestigungs-Verschraubung des Abdampfstutzens in Richtung Niederdruck-Zuführung einen Sprengring ...«
»Stimmt, mal überlegen. Sollte Bauteilnummer LA24-9-A7 sein. Wieso? Sag jetzt nicht die Flächenpressung ist wegen Materialermüdung nicht mehr gegeben und von wegen Wartungsarbeiten und so?!«
»Mensch Bruno, du hast es voll drauf. Genau das ist es. Die Kraftverteilung dürfte ungleichmäßig geworden sein. Also wechsel das Ding. Ihr seid ja eh noch offline und auf einen Tag kommt es ja nicht an.«
»Rosi, du machst mich fertig. Schönen Abend noch ...«


7:30 Uhr am anderen Morgen. Strickjäckchen, Kreditkarte, Prada-Täschchen und ab Richtung Börse. Neuer Tütenrekord wird angepeilt. Kollege Victor Atten-Fall hatte gestern Abend noch per Twitter einen auf dicke Hose gemacht und gemeint, er würde heute der Tütenkönig werden...

»Ok, Papa. Und warum freut sich die Roswita jetzt so?«
»Na weil sie Gewinn gemacht hat. Die Erzeugung von Strom kostet auch ein Kraftwerk Geld. Und letztendlich war der Einkauf an der Börse billiger, als selbst erzeugen. Somit war das Abschalten des Kraftwerkes ein Gewinn, vor allem, weil sie den Strom an ihre Kunden nach dem Wert der Prognose von 50 € vertickt hat.«

»Also war das ein Glücksfall?«
»Könnte man so sehen. Aber die Prognosen werden ja von den Netzbetreibern gemacht, die ja ganz nebenbei früher mal zur Firma gehörten. Und wenn die nun zufällig - ich will ja nichts unterstellen - daneben liegen, also z.B. viel weniger PV-Strom vorhersagen, als tatsächlich produziert werden kann, dann passiert genau dieses Beispiel. Durch die große Strommenge der Erneuerbaren fällt dann der Tagespreis beim Intraday-Handel. Und jetzt überleg mal, wie du diese Prognosen machen würdest ...«

»Aber der Trick verreckt, wenn jetzt das Wetter mit einem Mal richtig mies wird ...«
»Ja, dieser Trick schon, aber dafür gibt es dann noch einen anderen. Das ist dann die Sache mit der Ausgleichsenergie ...«


Teil 2: Tricks der Energieversorger: Schnäppchen mit Tütenstrom und Co. (2/2)




Autor: Björn-Lars Kuhn

Journalist bdfjBjörn-Lars Kuhn ist einer der Inhaber der Proteus Solutions GbR, Buchautor, Datenschutzbeauftragter (IHK), Fachjournalist (bdfj) in den Bereichen Datenschutz, Netzpolitik und Erneuerbare Energien und Redakteur dieser Nachrichtenseite.



3 Kommentar(e) zum Artikel.
Kommentar schreiben

Kilian Rüfer Donnerstag, 6. November 2014 um 09:20

Da merkt man, dass das Schreiben Spaß gemacht hat. Noch habe ich nicht alles verstanden, aber einiges mehr, als bei einem "sachlich" geschriebenen Text.
Ergo: Man versteht so deutlich mehr und hat Freude beim Lesen. Du überraschst mich immer wieder. Hätte nicht gedacht, dass ein Programmierer kreativ und unterhaltsam schreiben kann.

Danke für die Bumen, Kilian.
Nachher kommt der zweite Teil ...

Erhard Donnerstag, 6. November 2014 um 10:18

Ja, dass kommt davon wenn man eine Tüte Strom raucht!

Schöne Geschichte die leider kein Märchen ist sonder Realität im Deutschen Stromgeschäft oder zumindest wenn ich es im Business Jargon schreiben soll eine "richtig gute Geschäftsidee"!

I Like it!

Wenn ihr so schöne Artikel schreibt!

Dieter Neufeld Mittwoch, 19. November 2014 um 23:43

Ich mag diese Darstellung.
Ich frage mich wo ist die Börsenaufsicht?
Wahrscheinlich im Bett mit grün-me, natur-me, fux-me,welt-me, extra-me, prio-me, dienst-me, primo-me, öko-e-on-me, clever-me, 1-2-3-me, klima-me, sauber-me, natur-me, logo-me schön-me, ....
diese Damen haben halt super Stricktäschen mit ganz speziellen Zappel- und Stimmtütchen.

Ihre Geschichte ist gut, sie zeigt das der Markt nicht funktioniert, das ist so bei einem Markt mit unrealen Planwirtschaftsvorgaben.
Was in Ihrer Geschichte noch fehlt sind die armen Schafe die mit Wolle und Haut die Prada und Stricktaschen bezahlen.
Denn eins ist sicher die taschenträger sind "alle" systemrelevant. Das heisst bei Definition es muss Ihnen besser gehen als den Schafen.
Mäh!


Themenbereiche:

Energiepolitik | Strommarkt | Unternehmen

Schlagworte:

Kraftwerksausfälle (3) | Tütenstrom (2) | Flatterstrom (2) | Strombörse (28) | Redispatch (7) | Kraftwerke (69) | Intraday-Handel (2) | Ausgleichenergie (9)




Seite per Mail versenden

Kurz-Link zu dieser Seite: http://psrd.de/@961968







© by Proteus Solutions GbR 2017


Alle hier veröffentlichten Texte, Dokumente und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
Bitte beachten Sie dazu auch die weiteren Informationen unter dem Menüpunkt Mediadaten.
Informationen zum Datenschutz finden Sie in unserem Impressum.



Proteus Solutions GbR , Allmandsteige 11, 78564 Reichenbach
Tel: (0 74 29) 876 91 - 70 oder 0800-50506055, Fax (0 74 29) 876 91 - 77
Spam@proteus-solutions.de

80.147.220.63 - (04.05.2016 14:30:00)


 

verwandte Themen
27.4.17 | Artikel: 980009
Franz Alt: Trump hat recht: Die Feigheit der deutschen Politik

Wer gehofft hatte, dass wenigstens der VW-Dieselskandal ein Weckruf sein und die große Koalition zum Umdenken und Umhandeln bringen könnte, sieht sich jetzt enttäuscht.

18.7.17 | Artikel: 980019
Fell: Wirtschaft und Union diffamieren Erneuerbare Energien als Energiepreistreiber

Wirtschaft und Union diffamieren Erneuerbare Energien als Energiepreistreiber, aber die Industrieenergiepreise sinken doch seit Jahren! Seit Jahren brandmarken Union, FDP, SPD die Erneuerbaren Energien als Preistreiber im Energiesektor.

Besser im Netz gefunden werden.
Optimieren Sie jetzt Ihre Website!
25.1.17 | Artikel: 980002
bne zum Stromsteuergesetz: «Richtige Entscheidung»

Zum Verzicht auf die Ausdehnung der Stromsteuer auf Solaranlagen im Stromsteuergesetz, erklärt Robert Busch, Geschäftsführer des Bundesverbandes Neue Energiewirtschaft (bne):…

28.9.16 | Artikel: 970084
Südwest Presse: Kommentar zu Energienetz Unter Strom

Im Norden bläst der Wind, so kräftig, dass viel mehr Ökostrom produziert werden kann, als vor Ort benötigt wird. Im Süden dagegen droht elektrische Energie zur Mangelware zu werden, weil hier die letzten Kernkraftwerke 2022 abgeschaltet werden.

PVStatistik Deutschland:
installierte Anlagenleistung online abfragen.
4.11.16 | Artikel: 970091
Stromanbieter sind nur die Monetarisierung des Marketing-Mix

Wirtschaftsunterricht, 11. Klasse, auf dem Lehrplan seht das Geheimnis, wie aus Marketingstrategien konkrete Aktionen abgeleitet werden können. Die Schüler lernen, dass man scheinbar überhaupt nichts produzieren muss, um am Markt erfolgreich zu sein.

29.9.16 | Artikel: 970086
GrünStromJetons digitalisieren die Energiewende

Dass der persönliche Ökostromtarif am tatsächlichen Strommix aus der Steckdose nichts ändert, hat sich herumgesprochen. Dieser Umstand sorgt bei vielen umweltbewussten Verbrauchern für Ernüchterung.

Sie suchen nach speziellen Lösungen?
Wir helfen gerne weiter...
28.9.16 | Artikel: 970085
Vollständige Erdverkabelung in Baden-Württemberg

«Energiepolitisch vernünftig und nachvollziehbar», nannte Umweltminister Franz Untersteller die heute bekannt gewordenen Netzausbaupläne des baden-württembergischen Netzbetreibers TransnetBW.

24.3.17 | Artikel: 980008
Klimaneutral Drucken - immer mehr Unternehmen zeigen Engagement

Im Pariser Klimaabkommen hat sich die EU verpflichtet, seinen Ausstoß an Kohlendioxid bis 2030 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn alle Einsparmöglichkeiten genutzt werden.