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Leitartikel: Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint…

03.10.15  11:30 | Artikel: 963115 | News-Artikel (Red)

Leitartikel: Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint…
Franz Untersteller,
Umweltminister Baden-Württemberg
Gegenüber den Lesern von blog.stromhaltig war es natürlich nicht fair, ohne Kommentierung ein paar Zahlen hinzuwerfen als Reaktion auf einen Gastbeitrag des Minister für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Baden-Württemberg Franz Untersteller bei Dialog Energie Zukunft.

Es besteht aber tatsächlich ein Interesse zu verstehen, auf welcher Faktenlage das Fazit “Prinzip Hoffnung” entstanden ist, welches der Minister zur Reform des Strommarktes auf Bundesebene gezogen hat.

“Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, müssen wir mittelfristig insbesondere noch auf Gas- und Kohlestrom zurückzugreifen.”

Bei etwas differenzierter Betrachtung muss in dieser Aussage zunächst untersucht werden, was eigentlich “mittelfristig” bedeutet. Anstelle einen Zeitpunkt zu definieren, kann man einen Meilenstein verwenden, der durchaus innerhalb der nächsten Dekade erreichbar ist: Der Jahresstrommix besteht aus 50% Strom aus Erneuerbaren. Selbstverständlich ist der Strommix in Deutschland gemeint.

Aus den Daten des Jahres 2015 kann man per 28.09.2015 folgende Erzeugungsmengen ablesen (lediglich die wichtigsten Stromquellen):

EnergieträgerErzeugung in MWhAnteil
Erdöl12443280,1%
Sonne10785545012,9%
Wind Offshore119312411,4%
Wind Onshore11020922613,2%
Braunkohle22442779126,9%
Steinkohle15734823818,9%
Laufwasser655568567,9%
Erdgas215343942,5%
Atomkraft13304867916%
Gesamt833156203 

Bislang hatte der “wetterfühlige” Strom im Mix des Jahres 2015 einen Anteil von 27,5% – folgt man den Daten der Übertragungsnetzbetreiber. Zum Erreichen von 50% ist somit noch eine Ausbaulücke von 22,5% zu schließen. Diese Lücke muss dringend geschlossen werden, denn mit dem Atomaustieg fehlen uns 16%. Bleiben 6,5% die tatsächlich von anderen Energieträgern kurzfristig an Marktanteilen verloren gehen. Beim Stellenabbau in Betrieben würde man von einer sozialverträglichen Lösung sprechen, besonders da wir über Jahrzehnte reden.

Motivationen von Untersteller

Herr Meinzel, auf dessen Rat man an dieser Stelle gerne hört, dürfte der Ausführung zustimmen, dass Atomkraft primär durch Erneuerbare Energieträger ersetzt werden sollte. Das Umweltministerium spricht auch immer sauber von Gas- und Kohlestrom als untrennbare Freunde. Die Stromerzeugung aus Gas spielt jedoch bei den aktuellen Preisen eine eher untergeordnete Rolle. Geopolitisch gibt es keine Zeichen, dass sich hier grundlegend etwas ändern wird. Daher sollten die 45,8% Kohlestrom etwas näher beleuchtet werden. Im schlimmsten Falle würden hier die 6,5% weniger auftreten (bei 50% Anteil der Erneuerbaren).

Geht es nach dem Willen der Bundesregierung, so kommen die 6,5% weniger Kohlestrom aus der sogenannten Klimareserve. Ob diese gut oder schlecht, ist braucht hier nicht weiter ausgeführt werden. In diesem Beitrag soll die Motivation und Vision im Land Baden-Württemberg verstanden werden.

“Kritisch sehe ich auch die geplante "Kapazitäts- und Klimareserve", die zunächst unter anderem aus alten Braunkohlekraftwerken bestehen soll. Ich bezweifele, dass sich alte, klimaschädliche Braunkohlekraftwerke für eine Reserve im Strommarkt eignen.”

Franz Untersteller nimmt diese kritische Haltung mit Sicherheit ein, ohne Blick in das Anlagenportfolio des Landes, wo sich die EnBW findet, die viel Steinkohlekraftwerke, Offshore und nur wenig Beteiligung an der Braunkohle hat. Im Referentenentwurf des Strommarktes 2.0 geht die EnBW daher leer aus. Man könnte fast annehmen, für die EnBW ändert sich nichts. Polemisch gesprochen könnte man sogar sagen, dass man sich im Strommarkt 2.0 behaupten konnte und keine Geschenke für die Zustimmung nötig hatte.

Wenn auch schon ewig geplant, so fällt der Zeitpunkt der Inbetriebnahme gleich zweier Kraftwerksneubauten in die Amtszeit des Ministers. Im Karslruher Rheinhafen das RDK8 und in Mannheim das GKM9, als neue Flaggschiffe auf dem Markt der Steinkohlekraftwerke. Aus dem Abschnitt “Stromwende: Gemeinsam mehr erreichen” soll zu Vollständigkeit hier aufgeführt werden:

Vieles rund um die Energiewende klingt heute wie ein großes Motivationsproblem. Negativ ausgedrückt, schafft es das RDK8 nicht einmal 10% der Bevölkerung in Baden-Württemberg mit Strom zu versorgen. Bei Wind und Sonne sieht es noch viel schlechter aus, wenn man den ganzen Tag des 07.10.2014 betrachtet. Ja, es ist nur eine Momentaufnahme….

RDK8 + Windkraft und Photovoltaik schafften am 07.10.2014 etwa 12,3% der Stromversorgung von Baden-Württemberg zu stemmen.

Kleines Zahlenspiel zum Abschluss:

Im klassischen Lastfolgebetrieb hätte das RDK8 am 07.10.2014 18,2 GWh Strom erzeugt. Im Schattenbetrieb 16,6 GWh (-8,8%). Der Wirkungsgrad von Kohlekraftwerken liegt im globalen Schnitt bei 30% – beim RDK8 bei über 46%

Investor Relations

Auf die aktuelle Stellungnahme übersetzt, sind gerade die beiden Neuinvestitionen im Lande ein Musterbeispiel, wie man gemeinsam einen höheren Marktanteil erreichen kann. Der hiesigen Meinung in einem Energy-Only-Markt – in den Augen des Ministers nur in einem fokussierten Kapazitätsmarkt. Der Fokus liegt bei diesem Marktmodell auf dem Nutzen für das Bundesland und nicht auf dem Bürgerwillen, wie es zum Beispiel beim Hybridstrommarkt möglich ist. Aus Sicht eines Landesministers eine verständliche Position, wenn auch die Wirtschaftsinteressen im Auge behalten werden müssen.

Dann sind nicht nur Kraftwerke im Betrieb ein Erlösmodell, sondern auch Kraftwerke, die betriebsbereit stehen, um in Hochlastphasen Versorgungslücken zu füllen. Mit diesen Einnahmen lassen sich Investitionen in moderne Technologien gegenfinanzieren.

Die Kohlekraftwerke, die bereits vorhanden sind und so neu, da in den kommenden 30 Jahren kaum eine Investition in RePowering gesteckt wird, sollen die Versorgungslücken zu Hochlastphasen schließen. Ob der Wind weht, wenn es eine Hochlastphase gibt ist unbekannt. Am Tag, wenn die Bänder in den Betrieben auf Hochtouren laufen und die Amtsstuben im Lande wegen Überhitzungsgefahr gekühlt werden müssen, ist es meistens auch hell. Nicht immer stahlender Sonnenschein, aber mehr als eine schwarze ”0″ auf der Erzeugungsseite des Solarstroms. Heutige Solarpanels erzeugen fast 60% ihrer Einspeisung aus diffuser Einstrahlung bei der keine direkte Sonne vorhanden ist.

Im Projekt Kombikratwerk 2 wurde gezeigt, wie PV Schwankungen für eine sichere Versorgung zu Hochlastphasen durch ein Zusammenspiel mehrerer Energieträger realisiert werden kann. Bei diesem Forschungsprojekt wurden allerdings die Einnahmen für Investoren nicht berücksichtigt. Für die beiden Neubauten sind jeweils fast eine Milliarden Euro an Risikokapital beigesteuert worden. Durch die Beteiligung des Landes bei den Investoren kam dieses Geld zum Teil aus Steuermitteln bzw. dem Landeshaushalt. Neubauten, die auf 30 Jahre ausgelegt und voraussichtlich über 50 Jahre Strom in das Netz einspeisen sollen.

Kommunizierter Totschlag

Bei allen Zahlenspielereien gibt es immer ein Argument, welches von Minister Franz Untersteller sehr gerne verwendet wird, um Einspruch zu vermeiden. Es ist eine Basta-Mentalität, die man in dieser Form scheinbar nur beim tdema Stromversorgung finden kann. Blackout, Gefährdung der Versorgungssicherheit, wenn man den Ausführungen nicht zustimmt.

Das Ergebnis war, dass Kalifornien im Sommer 2000 kurz vor dem Blackout stand und daraufhin einen flexiblen Kapazitätsmarkt eingeführt hat.

Warum eigentlich soweit weg gehen? Warum wird der 6. Februar 2012 im Monitoring-Bericht für Deutschland geführt? – Nein, auf das Kindergartenniveau, wer die besseren Beispiele hat sollte man sich nicht herab lassen. Eher auf die Konsequenzen, oder Flurschäden, die in den Nebensätzen vergraben sind. Kausalketten, die ein Leser ohne Hinterfragen recht einfach mit neuen neuronalen Verknüpfungen abspeichern kann. Im Falle von Untersteller ist es die dezentrale Energiewende oder die Bürgerenergiewende, die zwischen die Räder anderer Restrukturierungen gerät. Der Beitrag spricht nicht von Windrädern in Baden-Württemberg, auch nicht von Solaranlagen auf den Häusern engagierter Bürger – bremst diese Entwicklung allerdings ohne fachlichen Grund aus.

Übersetzung ins Badische

Liest der Badenzer etwas von einem benötigten “Fokusierten Kapazitätsmarkt”, bei dem jemand durch das “Vorhalten von Erzeugungskapazitäten Geld verdienen kann”, dann geht dem Rheingrabenbewohner durch den Kopf:

  • Bislang hat keiner Geld für das Vorhalten bekommen
  • Das Geld muss von irgendwo her kommen
  • Entweder es bekommt “jemand” weniger, oder…
  • … ach neh – “Jetzt soll isch ach noch dafer’ zahle?”

Es folgt die Reaktion: Wer ist Schuld?

Genau: Sonnenstrom und Windstrom. Danke dafür!

Status Quo – Baden Württemberg

Das Bundesland und “sein” Stromkonzern EnBW sind eigentlich kurz-, mittel und langfristig sehr gut aufgestellt. Es gibt Kleinigkeiten, wie die Netzkopplung in die Schweiz (und somit der Zugang zu diesem Markt), welche von der Amprion betrieben wird und nicht von TransnetBW. Wir haben hier im Lande eine Unmenge von innovativen Unternehmen und eine sehr fähige Betriebsmannschaft des Stromnetzes. Im Gegensatz zu den Bewohnern von anderen Bundesländern hat der Schwabe oder Badener bei “Norwegian Pearl” einen Urlaub im Sinn – woanders einen Blackout.

Kurzfristig steht das Land vor der Schwierigkeit, dass man nun im Besitz von gleich 3 Dickschiffen der Stromerzeugung ist. Heilbronn, Karlsruhe und Mannheim müssen finanziell abgesichert werden. Alle 3 Kraftwerke sind “redispatchfähig”, man hatte sich darauf verlassen können, dass zu Hochlastzeiten zwar an der Börse kaum Strom verkauft werden konnte – die Braunkohlekraftwerke im Osten unterbieten hier – dann aber doch über die Redispatches die Erzeugung vergolden konnte. Der Business-Case der neuen Blöcke rechnet sich auch durch die Überkapazitäten im Osten und die fehlenden Leitungen in den Westen. Optimiert wird mit den vorhandenen Flexibilitätsoptionen aus abschaltbaren Lasten und einem Speichersee. Kooperiert wird mit der Schweiz, Bayern aber auch Frankreich als Partner für die Stromwende.

Mittelfristig gefährdet ein Zubau zu Hochlastzeiten die vorhandene Wertschöpfung per Redispatch. Man hat aber gleich zwei Asse im Ärmel. Zum einen kann man den Atomausstieg begleiten und “nachfahren” durch Zubau. Zum anderen steht hoch im Norden etwas im Meer rum, was seine Hochblüte erst noch entwickeln muss.

Nach dem Atomausstieg hat Baden-Württemberg mit seinem Stromkonzern – aber eben auch durch seine Bürgerenergie – eine strategische Position in Deutschland. Kommt der Überschuss an Strom mal nicht aus dem Ländle, so nimmt man vom Norden kommend den Strommarkt in den Schwitzkasten (oder in die Zange).

Lieber Herr Untersteller,

von unserem letzten und vorletzen Treffen ist mir noch sehr gut bekannt, wie lange die Aufmerksamkeitsspanne ist. Das gemeine Stimmvieh will cleverer sein als der Rest der Welt. Wir können hier alles außer Hochdeutsch – sogar die Energiewende. Ich will keine Steine auf die PV-Anlage meines Nachbars werfen. Harmonie ist ein wichtiges Gut. Im wilden Süd-Westen von Deutschland brauchen wir keine Basta-Mentalität oder Alternativlosigkeit, sondern engagierte Personen, die Fakten transportieren und vermitteln können. Vom für mich zuständigen Energieminister erwarte ich die Erfüllung eines klaren Arbeitsauftrages, welcher von Ihnen sogar definiert wurde:

In Anbetracht von langjährigen Planungs-, Genehmigungs- und Bauzeiten ist mir zudem nicht klar…

Beschleunigung nicht bremsen. Hier ist die Landesregierung in ihrer Rolle als Vermittler der Interessen gefragt.


Post Scriptum: Vielleicht hätte man sich damals im Januar doch über Strommarkt unterhalten sollen und nicht über den Friseur des Landesvaters.

Post Post Scriptum: Dieser Beitrag wird dem Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Umweltministeriums zugänglich gemacht. Die wahrscheinlich zeitnah eintreffende Rückantwort wird hier zu lesen sein.




Autor: Thorsten Zoerner

blog.stromhaltig.de

Thorsten Zoerner betreibt den Blog stromhaltig.de. Einen Großteil seiner Fachartikel veröffentlichen wir regelmäßig auch hier auf unserer Seite. Thorsten Zoerner ist Gründungsmitglied der Energieblogger.



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Energiepolitik | Strommarkt | EEG

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